1. Kölner Fachforum zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen - Themenschwerpunkt: Frauen mit Migrationshintergrund"Das vom "Kölner Aktionsbündnis zum 25.11. - Gemeinsam gegen Männergewalt an Frauen" veranstaltete Fachforum hat am Samstag (24.11.2007) unter der Schirmherrschaft von Marlis Bredehorst (Dezernentin für Soziales, Umwelt und Integration) und Tayfun Keltek (Vorsitzender des Integrationsrates der Stadt Köln) im Bürgerzentrum Alte Feuerwache stattgefunden.
In ihrem Einstiegsvortrag "Gewalt gegen Migrantinnen und Nicht-Migrantinnen in Deutschland - Mythos und Realität kultureller Unterschiede" erläuterte Dr. Monika Schröttle vom Interdisziplinären Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Bielefeld spezielle Aspekte ihrer 2004 veröffentlichten, bundesweiten Studie. Diese war vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegeben worden und stellt die erste repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland dar. Vorab warnte sie vor Polarisierungen und einseitigen, stereotypen Zuschreibungen, wie sie im aktuellen öffentlichen Diskurs immer häufiger vorkämen: "modern/ emanzipiert/ gewaltfrei = deutsch/ westlich/ christlich-abendländisch" im Gegensatz zu "traditionell/ rückständig/ gewaltbelastet = türkisch/ muslimisch". Dr. Monika Schröttle: "Es scheint kein Zufall zu sein, dass ausgerechnet jene politischen Kräfte, die ansonsten wenig Interesse an gleichstellungspolitischen Bemühungen und am Abbau von Gewalt gegen Frauen zeigen, Gewalt nur dort benennen und bekämpfen, wo sie in islamgläubigen Minderheiten auftritt."
In ihrer Studie wurden die Gewalt in Paarbeziehungen sowie Isolation, Kontrolle und Dominanz innerhalb dieser Beziehungen erforscht. Es wurde eindeutig gezeigt, dass diese Problembereiche nicht überwiegend den Menschen mit türkischem Migrationshintergrund zuzuordnen sind. Zwar hatten 37% der Frauen mit türkischer Herkunft angegeben, mindestens einmal körperliche oder sexuelle Übergriffe durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erlebt zu haben, aber es werde gleichzeitig deutlich, dass auch ein erheblicher Teil der Frauen deutscher Herkunft betroffen sei (29%). Außerdem sagten die Zahlen nichts über die Nationalität der Täter aus. Zwar müssten die erhöhten und z.T. massiveren Gewaltbelastungen von Frauen nicht-deutscher Herkunft zur Kenntnis und ernst genommen werden. Das Problem dürfe aber weder aufgebauscht noch für andere Zwecke instrumentalisiert werden. Da gewaltbetroffene Frauen mit Migrationshintergrund im Vergleich nur selten im vorhandenen Unterstützungssystem ankämen, sei es wichtig, dass eine gesellschaftliche Auseinandersetzung geführt werde, die auch Frauen und Männer mit Migrationshintergrund selbst stärker als bisher einbeziehe. Nur so könne die staatliche Aufgabe, den Schutz und die körperliche und seelische Unversehrtheit aller in Deutschland lebenden Menschen zu gewährleisten, auch tatsächlich realisiert werden. Im zweiten Teil der Veranstaltung wurde genau diese Forderung in die Tat umgesetzt: Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Kölner Beratungseinrichtungen und
Obwohl die meisten der Anwesenden sich durchaus bereits mit dem Thema "Gewalt gegen Frauen mit Migrationhintergrund" beschäftigt hatten, zeigte sich vor allem, dass bisher viel zu selten gemeinsame Diskussionen zwischen
Bemängelt wurde von einzelnen Fachleuten, dass überhaupt gesonderte Untersuchungen über Frauen mit Migrationshintergrund gemacht worden seien. Diese würden grundsätzlich negativ instrumentalisiert. Wichtig sei nicht die Abstammung, sondern vielmehr die individuelle Lage der betroffenen Frau. Andere sahen das Problem eher in der vergleichsweise geringen Anzahl der für die Studie befragten Frauen mit Migrationshintergrund und forderten, eine umfassendere Befragung durchzuführen. Einmütig wurde von vielen Anwesenden der Wunsch geäußert, dass in Köln ein neues Netzwerk zum Thema "Gewalt gegen Frauen mit Migrationshintergrund" gegründet werden müsse. Der Informationsfluss solle verbessert werden. Die Entwicklung gemeinsamer Konzepte zur Präventionsarbeit sowie eine lösungsorientierte Öffentlichkeitsarbeit wurden eingeklagt. Als wichtig wurde erachtet, dass auch Frauen, die ethnisch oder religiös in monokulturelle Gemeinschaften eingebunden sind, ernst genommen und "abgeholt" werden müssen. Angesichts der nach wie vor niedrigen Quoten der Frauen, die überhaupt im Beratungsnetz ankommen, wurde vorgeschlagen, mehr stadtteilnahe Versorgung anzubieten sowie Formen von aufsuchender Sozialarbeit zu entwickeln. Außerdem müsse mehrsprachiges Informationsmaterial in wesentlich größerem Umfang und ein Dolmetscherinnenpool zur Verfügung gestellt werden. Die vorhandenen Beratungsstellen müssten zudem in ihrer öffentlichen Finanzierung gesichert werden. Erst eine solche Stabilisierung ermögliche es ihnen auch, sich mehr als bisher interkulturell zu öffnen.
Ossi Helling vom Integrationsrat war sich mit Tayfun Keltek (langjähriger Vorsitzender des Integrationsrates, der in seinem Grußwort zugab, erst durch seine Schirmherrschaft auf das Thema aufmerksam geworden zu sein) einig, als er ankündigte, dass das Gremium sich diesen Fragestellungen stärker widmen müsse: "Die Stadt Köln muss prüfen, ob die Stadtverwaltung ein mögliches Netzwerk koordinieren kann." Als Veranstalter des Fachforums wird das Aktionsbündnis "Gemeinsam gegen Männergewalt an Frauen" in der nächsten Zeit konkrete Vorschläge machen, wie die stadtweit begonnene Diskussion weitergeführt und wie das gewünschte Netzwerk initiiert werden kann.
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